Thursday, 12 November 2015

Hänsel und Gretel


From - (http://germanstories.vcu.edu/grimm/haensel.html)

der Brüder Grimm


Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte er das tägliche Brot nicht mehr schaffen.
Wie er sich nun abends im Bette Gedanken machte und sich vor Sorgen herumwälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau: "Was soll aus uns werden ? Wie können wir unsere armen Kinder ernähren da wir für uns selbst nichts mehr haben?"
"Weißt du was, Mann, antwortete die Frau, "wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist. Da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus, und wir sind sie los."
"Nein, Frau", sagte der Mann, "das tue ich nicht; wie sollt ich's übers Herz bringen, meine Kinder im Walde allein zu lassen! Die wilden Tiere würden bald kommen und sie zerreißen."
"Oh, du Narr", sagte sie, "dann müssen wir alle viere Hungers sterben, du kannst nur die Bretter für die Särge hobeln", und ließ ihm keine Ruhe, bis er einwilligte.
"Aber die armen Kinder dauern mich doch", sagte der Mann. Die zwei Kinder hatten vor Hunger auch nicht einschlafen können und hatten gehört, was die Stiefmutter zum Vater gesagt hatte.
Gretel weinte bittere Tränen und sprach zu Hänsel: "Nun ist's um uns geschehen."
"Still, Gretel", sprach Hänsel, "gräme dich nicht, ich will uns schon helfen."
Und als die Alten eingeschlafen waren, stand er auf, zog sein Röcklein an, machte die Untertüre auf und schlich sich hinaus. Da schien der Mond ganz hell, und die weißen Kieselsteine, die vor dem Haus lagen, glänzten wie lauter Batzen. Hänsel bückte sich und steckte so viele in sein Rocktäschlein, als nur hinein wollten. Dann ging er wieder zurück, sprach zu Gretel: "Sei getrost, liebes Schwesterchen, und schlaf nur ruhig ein, Gott wird uns nicht verlassen", und legte sich wieder in sein Bett.
Als der Tag anbrach, noch ehe die Sonne aufgegangen war, kam schon die Frau und weckte die beiden Kinder: "Steht auf, ihr Faulenzer, wir wollen in den Wald gehen und Holz holen." Dann gab sie jedem ein Stückchen Brot und sprach: "Da habt ihr etwas für den Mittag, aber eßt's nicht vorher auf, weiter kriegt ihr nichts."
Gretel nahm das Brot unter die Schürze, weil Hänsel die Steine in der Tasche hatte. Danach machten sie sich alle zusammen auf den Weg nach dem Wald. Als sie ein Weilchen gegangen waren, stand Hänsel still und guckte nach dem Haus zurück und tat das wieder und immer wieder.
Der Vater sprach: "Hänsel, was guckst du da und bleibst zurück, hab acht und vergiß deine Beine nicht!"
"Ach, Vater", sagte Hänsel, "ich sehe nach meinem weißen Kätzchen, das sitzt oben auf dem Dach und will mir Ade sagen."
Die Frau sprach: "Narr, das ist dein Kätzchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein scheint." Hänsel aber hatte nicht nach dem Kätzchen gesehen, sondern immer einen von den blanken Kieselsteinen aus seiner Tasche auf den Weg geworfen.
Als sie mitten in den Wald gekommen waren, sprach der Vater: "Nun sammelt Holz, ihr Kinder, ich will ein Feuer anmachen, damit ihr nicht friert." Hänsel und Gretel trugen Reisig zusammen, einen kleinen Berg hoch.
Das Reisig ward angezündet, und als die Flamme recht hoch brannte, sagte die Frau: "Nun legt euch ans Feuer, ihr Kinder, und ruht euch aus, wir gehen in den Wald und hauen Holz. Wenn wir fertig sind, kommen wir wieder und holen euch ab."
Hänsel und Gretel saßen um das Feuer, und als der Mittag kam, aß jedes sein Stücklein Brot. Und weil sie die Schläge der Holzaxt hörten, so glaubten sie, ihr Vater wär' in der Nähe. Es war aber nicht die Holzaxt, es war ein Ast, den er an einen dürren Baum gebunden hatte und den der Wind hin und her schlug. Und als sie so lange gesessen hatten, fielen ihnen die Augen vor Müdigkeit zu, und sie schliefen fest ein. Als sie endlich erwachten, war es schon finstere Nacht.
Gretel fing an zu weinen und sprach: "Wie sollen wir nun aus dem Wald kommen?"
Hänsel aber tröstete sie: "Wart nur ein Weilchen, bis der Mond aufgegangen ist, dann wollen wir den Weg schon finden." Und als der volle Mond aufgestiegen war, so nahm Hänsel sein Schwesterchern an der Hand und ging den Kieselsteinen nach, die schimmerten wie neugeschlagene Batzen und zeigten ihnen den Weg.
Sie gingen die ganze Nacht hindurch und kamen bei anbrechendem Tag wieder zu ihres Vaters Haus. Sie klopften an die Tür, und als die Frau aufmachte und sah, daß es Hänsel und Gretel waren, sprach sie: "Ihr bösen Kinder, was habt ihr so lange im Walde geschlafen, wir haben geglaubt, ihr wollet gar nicht wiederkommen." Der Vater aber freute sich, denn es war ihm zu Herzen gegangen, daß er sie so allein zurückgelassen hatte.
Nicht lange danach war wieder Not in allen Ecken, und die Kinder hörten, wie die Mutter nachts im Bette zu dem Vater sprach: "Alles ist wieder aufgezehrt, wir haben noch einen halben Laib Brot, hernach hat das Lied ein Ende. Die Kinder müssen fort, wir wollen sie tiefer in den Wald hineinführen, damit sie den Weg nicht wieder herausfinden; es ist sonst keine Rettung für uns." Dem Mann fiel's schwer aufs Herz, und er dachte: Es wäre besser, daß du den letzten Bissen mit deinen Kindern teiltest.
Aber die Frau hörte auf nichts, was er sagte, schalt ihn und machte ihm Vorwürfe. Wer A sagt, muß B sagen, und weil er das erstemal nachgegeben hatte, so mußte er es auch zum zweitenmal.
Die Kinder waren aber noch wach gewesen und hatten das Gespräch mitangehört. Als die Alten schliefen, stand Hänsel wieder auf, wollte hinaus und die Kieselsteine auflesen, wie das vorigemal; aber die Frau hatte die Tür verschlossen, und Hänsel konnte nicht heraus. Aber er tröstete sein Schwesterchen und sprach: "Weine nicht, Gretel, und schlaf nur ruhig, der liebe Gott wird uns schon helfen."
Am frühen Morgen kam die Frau und holte die Kinder aus dem Bette. Sie erhielten ihr Stückchen Brot, das war aber noch kleiner als das vorigemal. Auf dem Wege nach dem Wald bröckelte es Hänsel in der Tasche, stand oft still und warf ein Bröcklein auf die Erde. "Hänsel, was stehst du und guckst dich um?" sagte der Vater, "geh deiner Wege!"
"Ich sehe nach meinem Täubchen, das sitzt auf dem Dache und will mir Ade sagen", antwortete Hänsel.
"Narr", sagte die Frau, "das ist dein Täubchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein oben scheint." Hänsel aber warf nach und nach alle Bröcklein auf den Weg.
Die Frau führte die Kinder noch tiefer in den Wald, wo sie ihr Lebtag noch nicht gewesen waren. Da ward wieder ein großes Feuer angemacht, und die Mutter sagte: "Bleibt nur da sitzen, ihr Kinder, und wenn ihr müde seid, könnt ihr ein wenig schlafen. Wir gehen in den Wald und hauen Holz, und abends, wenn wir fertig sind, kommen wir und holen euch ab." Als es Mittag war, teilte Gretel ihr Brot mit Hänsel, der sein Stück auf den Weg gestreut hatte. Dann schliefen sie ein, und der Abend verging; aber niemand kam zu den armen Kindern.
Sie erwachten erst in der finstern Nacht, und Hänsel tröstete sein Schwesterchen und sagte: "Wart nur, Gretel, bis der Mond aufgeht, dann werden wir die Brotbröcklein sehen, die ich ausgestreut habe, die zeigen uns den Weg nach Haus" Als der Mond kam, machten sie sich auf, aber sie fanden kein Bröcklein mehr, denn die viel tausend Vögel, die im Walde und im Felde umherfliegen, die hatten sie weggepickt.
Hänsel sagte zu Gretel: "Wir werden den Weg schon finden." Aber sie fanden ihn nicht. Sie gingen die ganze Nacht und noch einen Tag von Morgen bis Abend, aber sie kamen aus dem Wald nicht heraus und waren so hungrig, denn sie hatten nichts als die paar Beeren, die auf der Erde standen. Und weil sie so müde waren, daß die Beine sie nicht mehr tragen wollten, so legten sie sich unter einen Baum und schliefen ein.
Nun war's schon der dritte Morgen, daß sie ihres Vaters Haus verlassen hatten. Sie fingen wieder an zu gehen, aber sie gerieten immer tiefer in den Wald, und wenn nicht bald Hilfe kam, mußten sie verschmachten. Als es Mittag war, sahen sie ein schönes, schneeweißes Vögelein auf einem Ast sitzen, das sang so schön, daß sie stehen blieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie gingen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte, und als sie ganz nahe herankamen, so sahen sie, daß das Häuslein aus Brot gebaut war und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker.
"Da wollen wir uns dranmachen", sprach Hänsel, "und eine gesegnete Mahlzeit halten. Ich will ein Stück vom Dach essen, Gretel, du kannst vom Fenster essen, das schmeckt süß." Hänsel reichte in die Höhe und brach sich ein wenig vom Dach ab, um zu versuchen, wie es schmeckte, und Gretel stellte sich an die Scheiben und knupperte daran. Da rief eine feine Stimme aus der Stube heraus:
    "Knupper, knupper, Kneischen,
    Wer knuppert an meinem Häuschen?"
Die Kinder antworteten:
    "Der Wind, der Wind,
    Das himmlische Kind",
und aßen weiter, ohne sich irre machen zu lassen. Hänsel, dem das Dach sehr gut schmeckte, riß sich ein großes Stück davon herunter, und Gretel stieß eine ganze runde Fensterscheibe heraus, setzte sich nieder und tat sich wohl damit. Da ging auf einmal die Türe auf, und eine steinalte Frau, die sich auf eine Krücke stützte, kam herausgeschlichen. Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig, daß sie fallen ließen, was sie in den Händen hielten.
Die Alte aber wackelte mit dem Kopfe und sprach: "Ei, ihr lieben Kinder, wer hat euch hierher gebracht? Kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht euch kein Leid." Sie faßte beide an der Hand und führte sie in ihr Häuschen. Da ward ein gutes Essen aufgetragen, Milch und Pfannkuchen mit Zucker, Äpfel und Nüsse. Hernach wurden zwei schöne Bettlein weiß gedeckt, und Hänsel und Gretel legten sich hinein und meinten, sie wären im Himmel.
Die Alte hatte sich nur freundlich angestellt, sie war aber eine böse Hexe, die den Kindern auflauerte, und hatte das Brothäuslein bloß gebaut, um sie herbeizulocken. Wenn eins in ihre Gewalt kam, so machte sie es tot, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag. Die Hexen haben rote Augen und können nicht weit sehen, aber sie haben eine feine Witterung wie die Tiere und merken's, wenn Menschen herankommen.
Als Hänsel und Gretel in ihre Nähe kamen, da lachte sie boshaft und sprach höhnisch: "Die habe ich, die sollen mir nicht wieder entwischen!"
Früh morgens, ehe die Kinder erwacht waren, stand sie schon auf, und als sie beide so lieblich ruhen sah, mit den vollen roten Backen, so murmelte sie vor sich hin: "Das wird ein guter Bissen werden." Da packte sie Hänsel mit ihrer dürren Hand und trug ihn in einen kleinen Stall und sperrte ihn mit einer Gittertüre ein. Er mochte schrein, wie er wollte, es half ihm nichts.
Dann ging sie zur Gretel, rüttelte sie wach und rief: "Steh auf, Faulenzerin, trag Wasser und koch deinem Bruder etwas Gutes, der sitzt draußen im Stall und soll fett werden. Wenn er fett ist, so will ich ihn essen." Gretel fing an bitterlich zu weinen; aber es war alles vergeblich, sie mußte tun, was die böse Hexe verlangte.
Nun ward dem armen Hänsel das beste Essen gekocht, aber Gretel bekam nichts als Krebsschalen.
Jeden Morgen schlich die Alte zu dem Ställchen und rief: "Hänsel, streck deine Finger heraus, damit ich fühle, ob du bald fett bist." Hänsel streckte ihr aber ein Knöchlein heraus, und die Alte, die trübe Augen hatte, konnte es nicht sehen und meinte, es wären Hänsels Finger, und verwunderte sich, daß er gar nicht fett werden wollte. Als vier Wochen herum waren und Hänsel immer mager blieb, da überkam sie die Ungeduld, und sie wollte nicht länger warten.
"Heda, Gretel", rief sie dem Mädchen zu, "sei flink und trag Wasser! Hänsel mag fett oder mager sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen."
Ach, wie jammerte das arme Schwesterchen, als es das Wasser tragen mußte, und wie flossen ihm die Tränen über die Backen herunter! "Lieber Gott, hilf uns doch", rief sie aus, "hätten uns nur die wilden Tiere im Wald gefressen, so wären wir doch zusammen gestorben!"
"Spar nur dein Geplärre", sagte die Alte, "es hilft dir alles nichts."
Früh morgens mußte Gretel heraus, den Kessel mit Wasser aufhängen und Feuer anzünden. "Erst wollen wir backen" sagte die Alte, "ich habe den Backofen schon eingeheizt und den Teig geknetet."
Sie stieß das arme Gretel hinaus zu dem Backofen, aus dem die Feuerflammen schon herausschlugen "Kriech hinein", sagte die Hexe, "und sieh zu, ob recht eingeheizt ist, damit wir das Brot hineinschieben können" Und wenn Gretel darin war, wollte sie den Ofen zumachen und Gretel sollte darin braten, und dann wollte sie's aufessen.
Aber Gretel merkte, was sie im Sinn hatte, und sprach "Ich weiß nicht, wie ich's machen soll; wie komm ich da hinein?"
"Dumme Gans", sagte die Alte, "die Öffnung ist groß genug, siehst du wohl, ich könnte selbst hinein", krabbelte heran und steckte den Kopf in den Backofen. Da gab ihr Gretel einen Stoß, daß sie weit hineinfuhr, machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Hu! Da fing sie an zu heulen, ganz grauselich; aber Gretel lief fort, und die gottlose Hexe mußte elendiglich verbrennen.
Gretel aber lief schnurstracks zum Hänsel, öffnete sein Ställchen und rief: "Hänsel, wir sind erlöst, die alte Hexe ist tot "
Da sprang Hänsel heraus wie ein Vogel aus dem Käfig, wenn ihm die Türe aufgemacht wird. Wie haben sie sich gefreut sind sich um den Hals gefallen, sind herumgesprungen und haben sich geküßt! Und weil sie sich nicht mehr zu fürchten brauchten, so gingen sie in das Haus der Hexe hinein. Da standen in allen Ecken Kasten mit Perlen und Edelsteinen.
"Die sind noch besser als Kieselsteine", sagte Hänsel und steckte in seine Taschen, was hinein wollte.
Und Gretel sagte" Ich will auch etwas mit nach Haus bringen", und füllte sein Schürzchen voll.
"Aber jetzt wollen wir fort", sagte Hänsel, "damit wir aus dem Hexenwald herauskommen."
Als sie aber ein paar Stunden gegangen waren, gelangten sie an ein großes Wasser.
"Wir können nicht hinüber", sprach Hänsel, "ich seh keinen Steg und keine Brücke."
"Hier fährt auch kein Schiffchen", antwortete Gretel, "aber da schwimmt eine weiße Ente, wenn ich die bitte, so hilft sie uns hinüber." Da rief sie:
    "Entchen, Entchen,
    Da steht Gretel und Hänsel.
    Kein Steg und keine Brücke,
    Nimm uns auf deinen weißen Rücken."
Das Entchen kam auch heran, und Hänsel setzte sich auf und bat sein Schwesterchen, sich zu ihm zu setzen. "Nein", antwortete Gretel, "es wird dem Entchen zu schwer, es soll uns nacheinander hinüberbringen."
Das tat das gute Tierchen, und als sie glücklich drüben waren und ein Weilchen fortgingen, da kam ihnen der Wald immer bekannter und immer bekannter vor, und endlich erblickten sie von weitem ihres Vaters Haus. Da fingen sie an zu laufen, stürzten in die Stube hinein und fielen ihrem Vater um den Hals. Der Mann hatte keine frohe Stunde gehabt, seitdem er die Kinder im Walde gelassen hatte, die Frau aber war gestorben. Gretel schüttelte sein Schürzchen aus, daß die Perlen und Edelsteine in der Stube herumsprangen, und Hänsel warf eine Handvoll nach der andern aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen.
Mein Märchen ist aus, dort lauft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große Pelzkappe daraus machen.

Sunday, 17 May 2015

Der Weihnachtsabend - Erstes Kapitel


Erstes Kapitel.

Marleys Geist.


Marley war tot, damit wollen wir anfangen. Ein Zweifel darüber kann
nicht stattfinden. Der Schein über seine Bestattung wurde von dem
Geistlichen, dem Küster, dem Leichenbesorger und den vornehmsten
Leidtragenden unterschrieben. Scrooge unterschrieb ihn und Scrooges Name
wurde auf der Börse respektiert, wo er ihn nur hinschrieb. Der alte
Marley war so tot wie ein Thürnagel.

Merkt wohl auf! Ich will nicht etwa sagen, daß ein Thürnagel etwas
besonders Totes für mich hätte. Ich selbst möchte fast zu der Meinung
geneigt sein, ein Sargnagel sei das toteste Stück Eisenwerk auf der
Welt. Aber die Weisheit unsrer Altvordern liegt in dem Gleichnisse und
meine unheiligen Hände sollen sie dort nicht stören, sonst wäre es um
das Vaterland geschehen. Man wird mir daher erlauben, mit besonderem
Nachdruck zu wiederholen, daß Marley so tot wie ein Thürnagel war.

Scrooge wußte, daß er tot war? Natürlich wußte er's. Wie konnte es auch
anders sein? Scrooge und er waren, ich weiß nicht seit wie vielen
Jahren, Handlungsgesellschafter. Scrooge war sein einziger
Testamentsvollstrecker, sein einziger Administrator, sein einziger Erbe,
sein einziger Freund und sein einziger Leidtragender. Und selbst Scrooge
war von dem traurigen Ereignis nicht so entsetzlich gerührt, daß er
selbst an dem Begräbnistage nicht ein vortrefflicher Geschäftsmann
gewesen wäre und ihn mit einem unzweifelhaft guten Handel gefeiert
hätte.

Die Erwähnung von Marleys Begräbnistag bringt mich zu dem Ausgangspunkt
meiner Erzählung wieder zurück. Es ist ganz unzweifelhaft, daß Marley
tot war. Das muß scharf ins Auge gefaßt werden, sonst kann in der
Geschichte, die ich eben erzählen will, nichts Wunderbares geschehen.
Wenn wir nicht vollkommen fest überzeugt wären, daß Hamlets Vater tot
ist, ehe das Stück beginnt, würde durchaus nichts Merkwürdiges in seinem
nächtlichen Spaziergang bei scharfem Ostwind auf den Mauern seines
eignen Schlosses sein. Nicht mehr, als bei jedem andern Herrn in
mittleren Jahren, der sich nach Sonnenuntergang rasch zu einem
Spaziergang auf einem luftigen Platze, zum Beispiel Sankt Pauls
Kirchhof, entschließt, bloß um seinen schwachen Sohn in Erstaunen zu
setzen.

Scrooge ließ Marleys Namen nicht ausstreichen. Noch nach Jahren stand
über der Thür des Speichers »Scrooge und Marley.« Die Firma war unter
dem Namen Scrooge und Marley bekannt. Zuweilen nannten Leute, die ihn
noch nicht kannten, Scrooge Scrooge und zuweilen Marley; aber er hörte
auf beide Namen, denn es war ihm ganz gleich.

O, er war ein wahrer Blutsauger, der Scrooge! ein gieriger,
zusammenscharrender, festhaltender, geiziger alter Sünder; hart und
scharf wie ein Kiesel, aus dem noch kein Stahl einen warmen Funken
geschlagen hat; verschlossen und selbstbegnügt und für sich, wie eine
Auster. Die Kälte in seinem Herzen machte seine alten Züge erstarren,
seine spitze Nase noch spitzer, sein Gesicht von Runzeln, seinen Gang
steif, seine Augen rot, seine dünnen Lippen blau, und klang aus seiner
krächzenden Stimme heraus. Ein frostiger Reif lag auf seinem Haupt, auf
seinen Augenbrauen, auf den starken kurzen Haaren seines Bartes. Er
schleppte seine eigene niedere Temperatur immer mit sich herum; in den
Hundstagen kühlte er sein Comptoir wie mit Eis; zur Weihnachtszeit
wärmte er es nicht um einen Grad.

Aeußere Hitze und Kälte wirkten wenig auf Scrooge. Keine Wärme konnte
ihn wärmen, keine Kälte ihn frösteln machen. Kein Wind war schneidender
als er, kein fallender Schnee mehr auf seinen Zweck bedacht, kein
schlagender Regen einer Bitte weniger zugänglich. Schlechtes Wetter
konnte ihm nichts anhaben. Der ärgste Regen, Schnee oder Hagel konnten
sich nur in einer Art rühmen, besser zu sein als er: Sie gaben oft im
Ueberfluß, und das that Scrooge nie.

Niemals trat ihm jemand auf der Straße entgegen, um mit freundlichem
Gesicht zu ihm zu sagen: Mein lieber Scrooge, wie geht's, wann werden
Sie mich einmal besuchen? Kein Bettler sprach ihn um eine Kleinigkeit
an, kein Kind frug ihn, welche Zeit es sei, kein Mann und kein Weib hat
ihn je in seinem Leben um den Weg gefragt. Selbst der Hund des Blinden
schien ihn zu kennen, und wenn er ihn kommen sah, zupfte er seinen
Herrn, daß er in ein Haus trete und wedelte dann mit dem Schwanze, als
wollte er sagen: kein Auge ist besser, als ein böses Auge, blinder Herr.

Doch was kümmerte das Scrooge? Gerade das gefiel ihm. Allein seinen Weg
durch die gedrängten Pfade des Lebens zu gehen, jedem menschlichen
Gefühl zu sagen: bleib' mir fern, das war das, was Scrooge gefiel.

Einmal, es war von allen guten Tagen im Jahre der beste, der
Christabend, saß der alte Scrooge in seinem Comptoir. Es war draußen
schneidend kalt und nebelig und er konnte hören, wie die Leute im Hofe
draußen prustend auf und nieder gingen, die Hände zusammenschlugen und
mit den Füßen stampften, um sich zu erwärmen. Es hatte eben erst Drei
geschlagen, war aber schon ganz finster. Den ganzen Tag über war es
nicht hell geworden und aus den Fenstern der benachbarten Comptoirs
erblickte man Lichter, wie rote Flecken auf der dicken, braunen Luft.
Der Nebel drang durch jede Spalte und durch jedes Schlüsselloch und war
draußen so dick, daß die gegenüber stehenden Häuser des sehr kleinen
Hofes wie ihre eignen Geister aussahen. Wenn man die trübe, dicke Wolke,
alles verfinsternd, heruntersinken sah, hätte man meinen können, die
Natur wohne dicht nebenan und braue =en gros=.

Die Thür von Scrooges Comptoir stand offen, damit er seinen Commis
beaufsichtigen könne, welcher in einem unheimlich feuchten, kleinen
Raume, einer Art Burgverließ, Briefe kopierte. Scrooge hatte nur ein
sehr kleines Feuer, aber des Dieners Feuer war um so viel kleiner, daß
es wie eine einzige Kohle aussah. Er konnte aber nicht nachlegen, denn
Scrooge hatte den Kohlenkasten in seinem Zimmer und allemal, wenn der
Diener, mit der Kohlenschaufel in der Hand, hereinkam, meinte der Herr,
es würde wohl nötig sein, daß sie sich trennten, worauf der Diener
seinen weißen Shawl umband und versuchte, sich an dem Lichte zu wärmen,
was, da er ein Mann von nicht zu starker Einbildungskraft war, immer
fehlschlug.

»Fröhliche Weihnachten, Onkel, Gott erhalte Sie!« rief eine heitere
Stimme. Es war die Stimme von Scrooges Neffen, der ihm so schnell auf
den Hals kam, daß dieser Gruß die erste Ankündigung seiner Annäherung
war.

»Pah,« sagte Scrooge, »dummes Zeug!«

Der Neffe war vom schnellen Laufen so warm geworden, daß er über und
über glühte; sein Gesicht war rot und hübsch, seine Augen glänzten und
sein Atem rauchte.

»Weihnachten dummes Zeug, Onkel?« sagte Scrooges Neffe, »das kann nicht
Ihr Ernst sein.«

»Es ist mein Ernst,« sagte Scrooge. »Fröhliche Weihnachten? Was für ein
Recht hast du, fröhlich zu sein? was für einen Grund, fröhlich zu sein?
Du bist arm genug.«

»Nun,« antwortete der Neffe heiter, »was für ein Recht haben Sie,
grämlich zu sein? was für einen Grund, mürrisch zu sein? Sie sind reich
genug.«

Scrooge, der im Augenblick keine bessere Antwort bereit hatte, sagte
noch einmal »Pah!« und brummte ein »Dummes Zeug!« hinterher.

»Seien Sie nicht bös, Onkel,« sagte der Neffe.

»Was soll ich anders sein,« antwortete der Onkel, »wenn ich in einer
Welt voll solcher Narren lebe? Fröhliche Weihnachten! Der Henker hole
die fröhlichen Weihnachten! Was ist Weihnachten für dich anders, als ein
Tag, wo du Rechnungen bezahlen sollst, ohne Geld zu haben, ein Tag, wo
du dich um ein Jahr älter und nicht um eine Stunde reicher findest, ein
Tag, wo du deine Bücher abschließest und in jedem Posten durch ein
volles Dutzend von Monaten ein Deficit siehst? Wenn es nach mir ginge,«
sagte Scrooge heftig, »so müßte jeder Narr, der mit seinem fröhlichen
Weihnachten herumläuft, mit seinem eigenen Pudding gekocht und mit einem
Pfahl von Stecheiche im Herzen begraben werden.«

»Onkel!« sagte der Neffe.

»Neffe!« antwortete der Onkel heftig, »feiere du Weihnachten nach deiner
Art und laß es mich nach meiner feiern.«

»Feiern!« wiederholte Scrooges Neffe; »aber Sie feiern es nicht.«

»Laß mich ungeschoren,« sagte Scrooge. »Mag es dir Nutzen bringen! viel
genützt hat es dir schon.«

»Es giebt viel Dinge, die mir hätten nützen können und die ich nicht
benutzt habe, das weiß ich,« antwortete der Neffe, »und Weihnachten ist
eins von denen. Aber ich weiß gewiß, daß ich Weihnachten, wenn es
gekommen ist, abgesehen von der Verehrung, die wir seinem heiligen Namen
und Ursprung schuldig sind, immer als eine gute Zeit betrachtet habe,
als eine liebe Zeit, als die Zeit der Vergebung und Barmherzigkeit, als
die einzige Zeit, die ich in dem ganzen langen Jahreskalender kenne, wo
die Menschen einträchtig ihre verschlossenen Herzen aufthun und die
andern Menschen betrachten, als wenn sie wirklich Reisegefährten nach
dem Grabe wären und nicht eine ganz andere Art von Geschöpfen, die einen
ganz andern Weg gehen. Und daher, Onkel, ob es mir gleich niemals ein
Stück Gold oder Silber in die Tasche gebracht hat, glaube ich doch, es
hat mir Gutes gethan und es wird mir Gutes thun, und ich sage: Gott
segne es!«

Der Diener in dem Burgverließe draußen applaudierte unwillkürlich; aber
den Augenblick darauf fühlte er auch die Unschicklichkeit seines
Betragens, schürte die Kohlen und verlöschte den letzten kleinen Funken
auf immer.

»Wenn _Sie_ mich noch einen einzigen Laut hören lassen,« sagte Scrooge,
»so feiern Sie Ihre Weihnachten mit dem Verlust Ihrer Stelle. Du bist
ein ganz gewaltiger Redner,« fügte er hinzu, sich zu seinem Neffen
wendend. »Es wundert mich, daß du nicht ins Parlament kommst.«

»Seien Sie nicht bös, Onkel. Essen Sie morgen mit uns.«

Scrooge sagte, daß er ihn erst verdammt sehen wollte, ja wahrhaftig, er
sprach sich ganz deutlich aus.

»Aber warum?« rief Scrooges Neffe, »warum?«

»Warum hast du dich verheiratet?« sagte Scrooge.

»Weil ich mich verliebte.«

»Weil er sich verliebte!« brummte Scrooge, als ob das das einzige Ding
in der Welt wäre, noch lächerlicher als eine fröhliche Weihnacht. »Guten
Nachmittag!«

»Aber, Onkel, Sie haben mich ja auch nie vorher besucht. Warum soll es
da ein Grund sein, mich jetzt nicht zu besuchen?«

»Guten Nachmittag!« sagte Scrooge.

»Ich brauche nichts von Ihnen, ich verlange nichts von Ihnen, warum
können wir nicht gute Freunde sein?«

»Guten Nachmittag!« sagte Scrooge.

»Ich bedaure wirklich von Herzen, Sie so hartnäckig zu finden. Wir haben
nie einen Zank miteinander gehabt, an dem ich schuld gewesen wäre. Aber
ich habe den Versuch gemacht, Weihnachten zu Ehren und ich will meine
Weihnachtsstimmung bis zuletzt behalten. Fröhliche Weihnachten, Onkel!«

»Guten Nachmittag!« sagte Scrooge.

»Und ein glückliches Neujahr!«

»Guten Nachmittag!« sagte Scrooge.

Aber doch verließ der Neffe das Zimmer ohne ein böses Wort. An der
Hausthür blieb er noch stehen, um mit dem Glückwunsche des Tages den
Diener zu begrüßen, der bei aller Kälte doch noch wärmer als Scrooge
war, denn er gab den Gruß freundlich zurück.

»Das ist auch so ein Kerl,« brummte Scrooge, der es hörte. »Mein Diener,
mit fünfzehn Schilling die Woche und Frau und Kindern, spricht von
fröhlichen Weihnachten. Ich gehe nach Bedlam.«

Der Diener hatte, indem er den Neffen hinausließ, zwei andere Personen
eingelassen. Es waren zwei behäbige, wohlansehnliche Herren, die jetzt,
den Hut in der Hand, in Scrooges Comptoir standen. Sie hatten Bücher und
Papiere in der Hand und verbeugten sich.

»Scrooge und Marley, glaube ich,« sagte einer der Herren, indem er auf
seine Liste sah. »Hab' ich die Ehre, mit Mr. Scrooge oder mit Mr. Marley
zu sprechen?«

»Mr. Marley ist seit sieben Jahren tot,« antwortete Scrooge. »Er starb
heute vor sieben Jahren.«

»Wir zweifeln nicht, daß sein überlebender Compagnon ganz seine
Freigebigkeit besitzen wird,« sagte der Herr, indem er sein
Beglaubigungsschreiben hinreichte.

Er hatte auch ganz recht, denn es waren zwei verwandte Seelen gewesen.
Bei dem ominösen Wort Freigebigkeit runzelte Scrooge die Stirn,
schüttelte den Kopf und gab das Papier zurück.

»An diesem festlichen Tage des Jahres, Mr. Scrooge,« sagte der Herr,
eine Feder ergreifend, »ist es mehr als gewöhnlich wünschenswert,
einigermaßen wenigstens für die Armut zu sorgen, die zu dieser Zeit in
großer Bedrängnis ist. Vielen Tausenden fehlen selbst die notwendigsten
Bedürfnisse, Hunderttausenden die notdürftigsten Bequemlichkeiten des
Lebens.«

»Giebt es keine Gefängnisse?« fragte Scrooge.

»Ueberfluß von Gefängnissen,« sagte der Herr, die Feder wieder
hinlegend.

»Und die Union-Armenhäuser?« fragte Scrooge. »Bestehen sie noch?«

»Allerdings. Aber doch,« antwortete der Herr, »wünschte ich, sie
brauchten weniger in Anspruch genommen zu werden.«

»Tretmühle und Armengesetz sind in voller Kraft,« sagte Scrooge.

»Beide haben alle Hände voll zu thun.«

»So? Nach dem, was Sie zuerst sagten, fürchtete ich, es halte sie etwas
in ihrem nützlichen Laufe auf,« sagte Scrooge. »Ich freue mich, das zu
hören.«

»In der Ueberzeugung, daß sie doch wohl kaum fähig sind, der Seele oder
dem Leib der Armen christliche Stärkung zu geben,« antwortete der Herr,
»sind einige von uns zur Veranstaltung einer Sammlung zusammengetreten,
um für die Armen Nahrungsmittel und Feuerung anzuschaffen. Wir wählen
diese Zeit, weil sie vor allen andern eine Zeit ist, wo der Mangel am
bittersten gefühlt wird und der Reiche sich freut. Welche Summe soll ich
für Sie aufschreiben?«

»Nichts,« antwortete Scrooge.

»Sie wünschen ungenannt zu bleiben?«

»Ich wünsche, daß man mich zufrieden lasse,« sagte Scrooge. »Da Sie mich
fragen, was ich wünsche, meine Herren, so ist das meine Antwort. Ich
freue mich selbst nicht zu Weihnachten und habe nicht die Mittel, mit
meinem Gelde Faulenzern Freude zu machen. Ich trage meinen Teil zu den
Anstalten bei, die ich genannt habe; sie kosten genug, und wem es
schlecht geht, der mag dorthin gehen!«

»Viele können nicht hingehen und viele würden lieber sterben.«

»Wenn sie lieber sterben würden,« sagte Scrooge, »so wäre es gut, wenn
sie es thäten, und die überflüssige Bevölkerung verminderten. Uebrigens,
Sie werden mich entschuldigen, weiß ich nichts davon.«

»Aber Sie könnten es wissen,« bemerkte der Herr.

»Es geht mich nichts an,« antwortete Scrooge. »Es genügt, wenn ein Mann
sein eigenes Geschäft versteht und sich nicht in das anderer Leute
mischt. Das meinige nimmt meine ganze Zeit in Anspruch. Guten
Nachmittag, meine Herren!«

Da sie deutlich sahen, wie vergeblich weitere Versuche sein würden,
zogen sich die Herren zurück. Scrooge setzte sich wieder mit einer
erhöhten Meinung von sich selbst und in einer besseren Laune, als
gewöhnlich, an die Arbeit.

Unterdessen hatten Nebel und Finsternis so zugenommen, daß Leute mit
brennenden Fackeln herumliefen, um den Wagen vorzuleuchten. Der
Kirchturm, dessen brummende alte Glocke immer aus einem alten gotischen
Fenster in der Mauer gar schlau auf Scrooge herabsah, wurde unsichtbar
und schlug die Stunden und Viertel in den Wolken mit einem zitternden
Nachklang, als wenn in dem erfrorenen Knopf droben die Zähne klapperten.
Die Kälte wurde immer schneidender. In der Hauptstraße an der Ecke der
Sackgasse wurden die Gasröhren ausgebessert und die Arbeiter hatten ein
großes Feuer in einer Kohlenpfanne angezündet, um welche sich einige
zerlumpte Männer und Knaben drängten, sich die Hände wärmend und mit den
Augen blinzelnd vor der behaglichen Flamme. Die Wasserröhre, sich selbst
überlassen, strömte ungehindert ihr Wasser aus; aber bald war es zu Eis
erstarrt. Der Schimmer der Läden, in denen Stecheichenzweige und Beeren
in der Lampenwärme der Fenster knisterten, rötete die bleichen Gesichter
der Vorübergehenden. Die Gewölbe der Geflügel- und Materialwarenhändler
sahen aus wie ein glänzendes, fröhliches Märchen, mit dem es fast
unmöglich schien, den Gedanken von einer so ernsten Sache, wie Kauf und
Verkauf, zu verbinden. Der Lord Mayor gab in den innern Gemächern des
Mansion-House seinen fünfzig Köchen und Kellermeistern Befehl,
Weihnachten zu feiern, wie es eines Lord Mayors würdig ist, und selbst
der kleine Schneider, den er am Montage vorher wegen Trunkenheit und
öffentlich ausgesprochenen Blutdurstes um fünf Schilling gestraft hatte,
rührte den morgenden Pudding in seinem Dachkämmerchen um, während sein
abgemagertes Weib mit dem Säugling auf dem Arm ausging, um den
Rinderbraten zu kaufen.

Immer nebeliger und kälter wurde es, durchdringend, schneidend kalt.
Wenn der gute, heilige Dunstan des Gottseibeiuns Nase nur mit einem
Hauch von diesem Wetter gefaßt hätte, anstatt seine gewöhnlichen Waffen
zu brauchen, dann würde er erst recht gebrüllt haben. Der Inhaber einer
kleinen, jungen Nase, benagt und angebissen von der hungrigen Kälte, wie
Knochen von Hunden benagt werden, legte sich an Scrooges Schlüsselloch,
um ihn mit einem Weihnachtslied zu erfreuen. Aber bei dem ersten Tone
des Liedes ergriff Scrooge das Lineal mit einer solchen Energie, daß der
Sänger voll Schrecken entfloh und das Schlüsselloch dem Nebel und der
noch verwandteren Kälte überließ.

Endlich kam die Feierabendstunde. Unwillig stieg Scrooge von seinem
Sessel und gab dem harrenden Diener in dem Verließ stillschweigend die
Einwilligung, worauf dieser sogleich das Licht auslöschte und den Hut
aufsetzte.

»Sie wollen den ganzen Tag morgen haben, vermute ich,« sagte Scrooge.

»Wenn es Ihnen paßt, Sir.«

»Es paßt mir nicht,« sagte Scrooge, »und es gehört sich nicht. Wenn ich
Ihnen eine halbe Krone dafür abzöge, würden Sie denken, es geschähe
Ihnen unrecht, nicht?«

Der Diener antwortete mit einem gezwungenen Lächeln.

»Und doch,« sagte Scrooge, »denken Sie nicht daran, daß mir unrecht
geschieht, wenn ich einen Tag Lohn für einen Tag Faulenzen bezahle.«

Der Diener bemerkte, daß es nur einmal im Jahre geschähe.

»Eine armselige Entschuldigung, um an jedem fünfundzwanzigsten Dezember
eines Mannes Tasche zu bestehlen,« sagte Scrooge, indem er seinen
Ueberrock bis an das Kinn zuknöpfte. »Aber ich vermute, Sie wollen den
ganzen Tag frei haben. Sie werden den ganzen Vormittag hier sein.«

Der Diener versprach, daß er kommen wolle und Scrooge ging mit einem
Brummen fort. Das Comptoir war in einem Nu geschlossen und der Diener,
die langen Enden seines weißen Shawls über die Brust herabhängend (denn
er konnte sich keines Ueberrocks rühmen), fuhr zu Ehren des Festes als
der Letzte einer Reihe von Knaben zwanzigmal auf einer Glander Cornhill
hinunter und lief dann so schnell als möglich in seine Wohnung in
Camden-Town, um dort Blindekuh zu spielen.

Scrooge nahm sein einsames, trübseliges Mahl in seinem gewöhnlichen
einsamen, trübseligen Gasthause ein; und nachdem er alle Zeitungen
gelesen und sich den Rest des Abends mit seinem Bankjournal vertrieben
hatte, ging er nach Haus schlafen. Er wohnte in den Zimmern, welche
seinem verstorbenen Compagnon gehört hatten. Es war eine düstere Reihe
von Zimmern in einem niedrigen, finstern Gebäude in einem Hofe, wo es so
wenig an seinem Platze stand, daß man fast hätte glauben mögen, es habe
sich dorthin verlaufen, als es noch ein junges Haus war und mit andern
Häusern Versteckens spielte, und sich nicht wieder herausfinden können.
Es war jetzt alt und öde genug, denn niemand wohnte dort, außer Scrooge,
da die andern Räume alle als Geschäftslokale vermietet waren. Der Hof
war so dunkel, daß selbst Scrooge, der jeden Stein desselben kannte,
seinen Weg mit den Händen fühlen mußte. Der Nebel und der Frost hing so
dick und schwer um den schwarzen alten Thorweg des Hauses, als ob der
Genius des Wetters in trauerndem Nachsinnen auf der Schwelle säße.

Nun ist es ausgemacht, daß an dem Klopfer der Hausthür ganz und gar
nichts Besonderes war, als seine Größe. Auch ist es ausgemacht, daß
Scrooge ihn jeden Abend und jeden Morgen, seitdem er das Haus bewohnte,
gesehen hatte, und daß Scrooge so wenig Phantasie besaß als irgend
jemand in der City von London, mit Einschluß -- wenn es erlaubt ist, das
zu sagen -- des Stadtrats, der Aldermen und der Zünfte. Man vergesse
auch nicht, daß Scrooge, außer heute Nachmittag, mit keinem Wörtchen an
seinen seit sieben Jahren verstorbenen Compagnon gedacht hatte. Und nun
soll mir jemand erklären, warum Scrooge, als er seinen Schlüssel in das
Thürschloß steckte, in dem Klopfer, ohne daß er sich verändert hätte,
keinen Thürklopfer, sondern Marleys Gesicht sah.

Ja, Marleys Gesicht. Es war nicht von so undurchdringlichem Dunkel
umgeben, wie die andern Gegenstände im Hofe, sondern von einem
unheimlichen Lichte, wie eine verdorbene Hummer in einem dunklen Keller.
Er blickte ihm nicht wild oder zürnend entgegen, sondern sah Scrooge an,
wie ihn Marley gewöhnlich ansah: mit der gespenstischen Brille auf die
gespenstische Stirn hinauf geschoben. Das Haar stand seltsam in die
Höhe, wie von Wind oder heißer Luft gehoben; und obgleich die Augen weit
offen standen, waren sie doch ohne alle Bewegung. Das und die
leichenhafte Farbe machten das Gesicht schrecklich; aber seine
Schrecklichkeit schien mehr, außerhalb des Gesichts und nicht in seiner
Macht, als ein Teil seines Ausdrucks zu sein.

Als Scrooge fest auf die Erscheinung blickte, war es wieder ein
Thürklopfer.

Zu sagen, er wäre nicht erschrocken, oder sein Blut hätte nicht ein
grausendes Gefühl empfunden, das ihm seit seiner Kindheit unbekannt
geblieben war, wäre eine Unwahrheit. Aber er faßte sich gewaltsam, legte
die Hand wieder auf den Schlüssel, drehte ihn um, trat in das Haus, und
zündete sein Licht an.

Aber doch zögerte er einen Augenblick, ehe er die Thür schloß, und er
guckte erst vorsichtig dahinter, als fürchte er wirklich, mit dem
Anblick von Marleys Zopf erschreckt zu werden. Aber hinter der Thür war
nichts, als die Schrauben, welche den Klopfer fest hielten; und so sagte
er: »Bah, bah!« und warf sie zu.

Der Schall klang durch das Haus wie ein Donner. Jedes Zimmer oben, und
jedes Faß in des Weinhändlers Keller unten schien mit seinem besondern
Echo zu antworten. Scrooge war nicht der Mann, der sich durch Echos
erschrecken ließ. Er schloß die Thür zu, ging über die Hausflur und die
Treppe hinauf, und zwar langsam, und das Licht heller machend, während
er hinaufging.

Die Treppe war breit genug, um eine Bahre der Quere hinaufzubringen, und
das ist vielleicht die Ursache, warum Scrooge glaubte, er sähe vor sich
eine Bahre sich hinaufbewegen. Ein halbes Dutzend Gaslampen von der
Straße aus würden den Eingang nicht zu hell gemacht haben, und so kann
man sich denken, daß es bei Scrooges kleinem Lichte ziemlich dunkel
blieb.

Scrooge aber ging hinauf und kümmerte sich keinen Pfifferling darum.
Dunkelheit ist billig, und das hatte Scrooge gern. Aber ehe er seine
schwere Thür zumachte, ging er durch die Zimmer, um zu sehen, ob alles
in Ordnung sei. Er erinnerte sich des Gesichtes noch gerade genug um das
zu wünschen.

Wohnzimmer, Schlafzimmer, Gerätkammer, alles war, wie es sein sollte.
Niemand unter dem Tische, niemand unter dem Sofa; ein kleines Feuer auf
dem Rost, Löffel und Teller bereit und das kleine Töpfchen Suppe
(Scrooge hatte den Schnupfen) an dem Feuer. Niemand unter dem Bett,
niemand in dem Alkoven, niemand in seinem Schlafrock, der auf eine ganz
verdächtige Weise an der Wand hing. Die Gerätkammer wie gewöhnlich. Ein
alter Kaminschirm, alte Schuhe, zwei Fischkörbe, ein dreibeiniger
Waschtisch und ein Schüreisen.

Vollkommen zufriedengestellt machte er die Thür zu und schloß sich ein
und riegelte noch zu, was sonst seine Gewohnheit nicht war. So gegen
Ueberraschung sichergestellt, legte er seine Halsbinde ab, zog seinen
Schlafrock und die Pantoffeln an, setzte die Nachtmütze auf und setzte
sich so vor das Feuer, um seine Suppe zu essen.

Es war wirklich ein sehr kleines Feuer, so gut wie gar keins in einer so
kalten Nacht. Er mußte sich dicht daran setzen und sich darüber
hinbeugen, um das geringste Wärmegefühl von einer solchen Handvoll
Kohlen zu genießen. Der Kamin war vor langen Jahren von einem
holländischen Kaufmann gebaut worden und ringsum mit seltsamen
holländischen Fliesen mit biblischen Bildern belegt. Da sah man Kain und
Abel, Pharaos Töchter, Königinnen von Saba, Engel durch die Luft auf
Wolken gleich Federbetten herabschwebend, Abraham, Belsazar, Apostel in
See gehend auf Butterschiffen, Hunderte von Figuren, seine Gedanken zu
beschäftigen; und doch kam das Gesicht Marleys wie der Stab des alten
Propheten, und verschlang alles andere. Wenn jedes glänzende Flies weiß
gewesen wäre und die Macht gehabt hätte, aus den vereinzelten Fragmenten
seiner Gedanken ein Bild auf seine Fläche zu zaubern, auf jedem wäre ein
Abbild von des alten Marleys Gesicht erschienen.

»Dummes Zeug!« sagte Scrooge und schritt durch das Zimmer.

Nachdem er einigemal auf und ab gegangen war, setzte er sich wieder
nieder. Wie er den Kopf in den Stuhl zurücklegte, fiel sein Auge wie von
ungefähr auf eine Klingel, eine alte, nicht mehr gebrauchte Klingel,
welche zu einem jetzt vergessenen Zweck mit einem Zimmer in dem obersten
Stockwerk des Hauses in Verbindung stand. Zu seinem großen Erstaunen und
mit einem seltsamen unerklärlichen Schauer sah er, wie die Klingel
anfing sich zu bewegen; erst bewegte sie sich so wenig, daß sie kaum
einen Ton von sich gab; aber bald schellte sie laut und mit ihr jede
Klingel des Hauses.

Das mochte eine halbe Minute oder eine Minute gedauert haben, aber es
schien eine Stunde zu sein. Die Klingeln hörten gleichzeitig auf, wie
sie gleichzeitig angefangen hatten. Dann vernahm man ein Klirren, tief
unten, als ob jemand eine schwere Kette über die Fässer in des
Weinhändlers Keller schleppe. Jetzt erinnerte sich Scrooge gehört zu
haben, daß Gespenster Ketten schleppen sollten.

Die Kellerthür flog mit einem dumpfdröhnenden Schall auf und dann hörte
er das Klirren viel lauter auf der Hausflur unten; dann wie es die
Treppe herauf kam; und dann wie es gerade auf seine Thür zukam.

»'s ist dummes Zeug,« sagte Scrooge. »Ich glaube nicht dran.«

Aber doch veränderte er die Farbe, als es, ohne zu verweilen, durch die
schwere Thür und in das Zimmer kam. Als es herein trat, flammte das
sterbende Feuer auf, als ob es riefe, ich kenne ihn, Marleys Geist! und
sank wieder zusammen.

Dasselbe Gesicht, ganz dasselbe. Marley mit seinem Zopf, seiner
gewöhnlichen Weste, den engen Hosen und hohen Stiefeln; die Quasten der
letztern standen zu Berge, wie sein Zopf und seine Rockschöße und das
Haar auf seinem Kopfe. Die Kette, welche er hinter sich her schleppte,
war um seinen Leib geschlungen. Sie war lang und ringelte sich wie ein
Schwanz; und war, denn Scrooge betrachtete sie sehr genau, aus
Geldkassen, Schlüsseln, Schlössern, Hauptbüchern, Kontrakten und
schweren Börsen aus Stahl zusammengesetzt. Sein Leib war durchsichtig,
so daß Scrooge durch die Weste hindurch die zwei Knöpfe hinten auf
seinem Rock sehen konnte.

Scrooge hatte oft sagen gehört, Marley habe kein Herz im Leibe, aber er
glaubte es erst jetzt.

Nein, er glaubte es selbst jetzt noch nicht. Obgleich er das Gespenst
durch und durch und vor sich stehen sah; obgleich er den kältenden
Schauer seiner totenstarren Augen fühlte und selbst den Stoff des Tuches
erkannte, welches um seinen Kopf und sein Kinn gebunden war und das er
früher nicht bemerkt hatte, war er doch noch ungläubig und sträubte
sich gegen das Zeugnis seiner Sinne.

»Nun,« sagte Scrooge, kaustisch und kalt wie gewöhnlich, »was wollt
Ihr?«

»Viel!« Das war Marleys Stimme.

»Wer seid Ihr?«

»Fragt mich, wer ich _war_.«

»Nun, wer waret Ihr?« sagte Scrooge lauter.

»Als ich lebte, war ich Euer Compagnon, Jakob Marley.«

»Könnt Ihr Euch setzen?« fragte Scrooge, ihn zweifelnd ansehend.

»Ich kann es.«

»So thut's.«

Scrooge that die Fragen, weil er nicht wußte, ob ein so durchsichtiger
Geist sich werde setzen können, und fühlte die Notwendigkeit einer
unangenehmen Erklärung, wenn es ihm nicht möglich wäre. Aber der Geist
setzte sich auf der andern Seite des Kamins nieder, als wenn er es
gewohnt wäre.

»Ihr glaubt nicht an mich?« sagte der Geist.

»Nein,« sagte Scrooge.

»Welches Zeugnis wollt Ihr, außer dem Eurer Sinne, von meiner
Wirklichkeit haben?«

»Ich weiß nicht,« sagte Scrooge.

»Warum glaubt Ihr Euren Sinnen nicht?«

»Weil sie eine Kleinigkeit stört,« sagte Scrooge. »Eine kleine
Unpäßlichkeit des Magens macht sie zu Lügnern. Ihr könnt ein unverdautes
Stück Rindfleisch, ein Käserindchen, ein Stückchen schlechter Kartoffel
sein. Wer Ihr auch sein mögt, Ihr habt mehr vom Unterleib, als von der
Unterwelt an Euch.«

Es war nicht eben Scrooges Gewohnheit, Witze zu machen, auch fühlte er
eben jetzt keine besondere Lust dazu. Die Wahrheit ist, daß er sich
bestrebte lustig zu sein, um sich zu zerstreuen und sein Entsetzen
niederzuhalten; denn die Stimme des Geistes machte selbst das Mark
seiner Knochen erzittern.

Nur einen Augenblick schweigend diesen starren, toten Augen gegenüber zu
sitzen, wäre halber Tod gewesen, das fühlte Scrooge wohl. Auch war es so
grauenerregend, daß das Gespenst seine eigene höllische Atmosphäre
hatte. Scrooge fühlte sie nicht selbst, aber doch mußte es so sein; denn
obgleich das Gespenst ganz regungslos dasaß, bewegten sich seine Haare,
seine Rockschöße und seine Stiefelquasten wie von dem heißen Dunst eines
Ofens.

»Ihr seht diesen Zahnstocher,« sagte Scrooge, aus dem eben angeführten
Grunde seinen Angriff sogleich wieder beginnend und von dem Wunsche
beseelt, wenn auch nur für einen Augenblick den starren, eisigen Blick
des Gespenstes von sich abzuwenden.

»Ja,« antwortete der Geist.

»Ihr seht ihn ja nicht an,« sagte Scrooge.

»Aber ich sehe ihn doch,« sagte das Gespenst.

»Gut,« erwiderte Scrooge. »Ich brauche ihn nur hinunterzuschlucken und
mein ganzes übriges Leben hindurch verfolgen mich eine Legion Kobolde,
die ich selbst erschaffen habe. Dummes Zeug, sag' ich, dummes Zeug!«

Bei diesen Worten stieß das Gespenst einen schrecklichen Schrei aus und
ließ seine Kette so grauenerregend und fürchterlich klirren, daß Scrooge
sich fest an seinen Stuhl halten mußte, um nicht in Ohnmacht
herunterzufallen. Aber wie wuchs sein Entsetzen, als das Gespenst das
Tuch von dem Kopf nahm, als wäre es ihm zu warm im Zimmer, und die
Unterkinnlade auf die Brust herabsank.

Scrooge fiel auf die Kniee nieder und schlug die Hände vors Gesicht.

»Gnade!« rief er. »Schreckliche Erscheinung, warum verfolgst du mich?«

»Mensch mit der irdisch gesinnten Seele,« entgegnete der Geist, »glaubst
du an mich, oder nicht?«

»Ich glaube,« sagte Scrooge, »ich muß glauben. Aber warum wandeln
Geister auf Erden und warum kommen sie zu mir?«

»Von jedem Menschen wird es verlangt,« antwortete der Geist, »daß seine
Seele unter seinen Mitmenschen wandle, in der Ferne und in der Nähe; und
wenn dieser Geist nicht während des Lebens hinausgeht, so ist er
verdammt, es nach dem Tode zu thun. Er ist verdammt, durch die Welt zu
wandern -- ach, wehe mir -- und zu sehen, was er nicht teilen kann, was
er aber auf Erden hätte teilen und zu seinem Glück anwenden können.«

Und wieder stieß das Gespenst einen Schrei aus und schüttelte seine
Ketten und rang die schattenhaften Hände.

»Du bist gefesselt,« sagte Scrooge zitternd. »Sage mir, warum?«

»Ich trage die Kette, die ich während meines Lebens geschmiedet habe,«
sagte der Geist. »Ich schmiedete sie Glied nach Glied und Elle nach
Elle; mit meinem eigenen freien Willen lud ich sie mir auf und mit
meinem eigenen freien Willen trug ich sie. Ihre Glieder kommen dir
seltsam vor.«

Scrooge zitterte mehr und mehr.

»Oder willst du wissen,« fuhr der Geist fort, »wie schwer und wie lang
die Kette ist, die du selbst trägst? Sie war gerade so lang und so
schwer, wie diese hier, vor sieben Weihnachten. Seitdem hast du daran
gearbeitet. Es ist eine schwere Kette.«

Scrooge sah auf den Boden herab, in der Erwartung, von fünfzig oder
sechzig Klaftern Eisenketten sich umschlungen zu sehen; aber er sah
nichts.

»Jakob,« sagte er flehend. »Jakob Marley, sage mir mehr. Sprich mir
Trost ein, Jakob.«

»Ich habe keinen Trost zu geben,« antwortete der Geist. »Er kommt von
anderen Regionen, Ebenezer Scrooge, und wird von andern Boten zu andern
Menschen gebracht. Auch kann ich dir nicht sagen, was ich dir sagen
möchte. Ein klein wenig mehr ist alles, was mir erlaubt ist. Nirgendwo
kann ich rasten oder ruhen. Mein Geist ging nie über unser Comptoir
hinaus -- merke wohl auf -- im Leben blieb mein Geist immer in den engen
Grenzen unsrer schachernden Höhle; und weite Reisen liegen noch vor
mir.«

Scrooge hatte die Gewohnheit, wenn er nachdenklich wurde, die Hand in
die Hosentasche zu stecken. Ueber das, was der Geist sagte, nachsinnend,
that er es auch jetzt, aber ohne die Augen zu erheben, oder vom Stuhl
aufzustehen.

»Du mußt dir aber viel Zeit genommen haben, Jakob,« bemerkte er mit dem
Tone eines Geschäftsmannes, obgleich mit vieler Demut und Ehrerbietung.

»Viel Zeit!« sagte der Geist.

»Sieben Jahre tot,« sagte sinnend Scrooge. »Und die ganze Zeit über
gereist.«

»Die ganze Zeit,« sagte der Geist. »Ohne Frieden, ohne Ruhe und mit den
Qualen ewiger Reue.«

»Du reisest schnell,« sagte Scrooge.

»Auf den Schwingen des Windes,« sagte der Geist.

»Du hättest eine große Strecke in sieben Jahren bereisen können,« sagte
Scrooge.

Als der Geist dies hörte, stieß er wieder einen Schrei aus und klirrte
so gräßlich mit seiner Kette durch das Grabesschweigen der Nacht, daß
ihn die Polizei mit vollem Rechte wegen Ruhestörung hätte bestrafen
können.

»O, gefangen und gefesselt,« rief das Gespenst, »nicht zu wissen, daß
Zeitalter von unaufhörlicher Arbeit sterblicher Geschöpfe vergehen, ehe
das Gute, dessen die Erde fähig ist, sich entwickeln kann; nicht zu
wissen, daß ein christlicher Geist, und wenn er auch in einem noch so
kleinen Kreise von Liebe wirkt, in diesem Erdenleben sich selbst
belohnende Arbeit genug finden kann! Aber ich wußte es nicht, ach, ich
wußte es nicht!«

»Aber du warst immer ein guter Geschäftsmann, Jakob,« stotterte Scrooge
zitternd, der jetzt anfing, das Schicksal des Geistes auf sich selbst
anzuwenden.

»Geschäft!« rief das Gespenst, seine Hände abermals ringend. »Der Mensch
war mein Geschäft. Das allgemeine Wohlsein war mein Geschäft;
Barmherzigkeit, Versöhnlichkeit und Liebe, alles das war mein Geschäft.
Alles, was ich in meinem Gewerbe that, war nur ein kleiner Tropfen
Wasser in dem weiten Ocean meines Geschäftes.«

Er hielt seine Kette vor sich hin, als ob dies die Ursache seines
nutzlosen Schmerzes gewesen wäre, und warf sie wieder dröhnend nieder.

»Zu dieser Zeit des schwindenden Jahres,« sagte das Gespenst, »leide ich
am meisten. Warum ging ich mit zur Erde blickenden Augen durch das
Gedränge meiner Mitmenschen und wendete meinen Blick nie zu dem
gesegneten Stern empor, der die Weisen zur Wohnung der Armut führte? Gab
es keine arme Hütte, wohin mich sein Licht hätte leiten können?«

Scrooge hörte mit Entsetzen das Gespenst so reden und fing an gar sehr
zu zittern.

»Höre mich,« rief der Geist. »Meine Zeit ist fast vorüber.«

»Ich will hören,« sagte Scrooge. »Aber mache es gnädig mit mir! Werde
nicht hitzig, Jakob, ich bitte dich.«

»Wie es kommt, daß ich vor dich in einer dir sichtbaren Gestalt treten
kann, weiß ich nicht. Viele, viele Tage habe ich unsichtbar neben dir
gesessen.«

Das war kein angenehmer Gedanke. Scrooge schauderte und wischte sich den
Schweiß von der Stirn.

»Es ist kein leichter Teil meiner Buße,« fuhr der Geist fort. »Heute
Nacht komme ich zu dir, um dich zu warnen, daß noch für dich eine
Möglichkeit vorhanden ist, meinem Schicksal zu entgehen. Eine
Möglichkeit und eine Hoffnung, die du mir zu verdanken hast.«

»Du bist immer mein guter Freund gewesen,« sagte Scrooge. »Ich danke
dir.«

»Drei Geister,« fuhr das Gespenst fort, »werden zu dir kommen.« Bei
diesen Worten wurde Scrooges Angesicht noch trauriger als das des
Gespenstes.

»Ist das die Möglichkeit und die Hoffnung, die du genannt hast, Jakob?«
fragte er mit bebender Stimme.

»Ja.«

»Ich -- ich sollte meinen, das wäre eben keine Hoffnung,« sagte Scrooge.

»Ohne ihr Kommen,« sagte der Geist, »kannst du nicht hoffen, den Pfad zu
vermeiden, den ich verfolgen muß. Erwarte den ersten morgen früh, wenn
die Glocke Eins schlägt.«

»Könnte ich sie nicht alle auf einen Schluck nehmen?« meinte Scrooge.

»Erwarte den zweiten in der nächsten Nacht um dieselbe Stunde. Den
dritten in der nächsten Nacht, wenn der letzte Schlag Zwölf ausgeklungen
hat. Schau mich an, denn du siehst mich nicht mehr; und schau mich an,
daß du dich, um deinetwillen an das erinnerst, was zwischen uns
geschehen ist.«

Als es diese Worte gesprochen hatte, nahm das Gespenst das Tuch von dem
Tische und band es sich wieder um den Kopf. Scrooge erfuhr das durch das
Knirschen der Zähne, als die Kinnladen zusammen klappten. Er wagte es,
die Augen zu erheben und erblickte seinen übernatürlichen Besuch vor
sich stehen, die Augen noch starr auf ihn geheftet, und die Kette um den
Leib und den Arm gewunden.

Die Erscheinung entfernte sich rückwärtsgehend; und bei jedem Schritt
öffnete sich das Fenster ein wenig, so daß, als das Gespenst es
erreichte, es weit offen stand. Es winkte Scrooge näher zu kommen, was
er that. Als sie noch zwei Schritte voneinander entfernt waren, hob
Marleys Geist die Hand in die Höhe, ihm gebietend, nicht näher zu
kommen. Scrooge stand still.

Weniger aus Gehorsam, als aus Ueberraschung und Furcht: denn wie sich
die gespenstische Hand erhob, hörte er verwirrte Klänge durch die Luft
schwirren und unzusammenhängende Töne des Klagens und des Leides,
unsagbar, schmerzensvoll und reuig. Das Gespenst horchte ihnen eine
Weile zu und stimmte dann in das Klagelied ein; dann schwebte es in die
dunkle Nacht hinaus.

Scrooge trat an das Fenster, von der Neugier bis zur Verzweiflung
getrieben. Er sah hinaus.

Die Luft war mit Schatten angefüllt, welche in ruheloser Hast und
klagend hin und her schwebten. Jeder trug eine Kette, wie Marleys Geist;
einige wenige waren zusammengeschmiedet (wahrscheinlich schuldige
Ministerien), keines war ganz fessellos. Viele waren Scrooge während
ihres Lebens bekannt gewesen. Ganz genau hatte er einen alten Geist in
einer weißen Weste gekannt, welcher einen ungeheuren eisernen Geldkasten
hinter sich herschleppte und jämmerlich schrie, einem armen, alten Weibe
mit einem Kinde nicht beistehen zu können, welches unten auf einer
Thürschwelle saß. Man sah es klar, ihre Pein war, sich umsonst bestreben
zu müssen, den Menschen Gutes zu thun und die Macht dazu auf immer
verloren zu haben.

Ob diese Wesen in dem Nebel zergingen, oder ob sie der Nebel einhüllte,
wußte er nicht zu sagen. Aber sie und ihre Gespensterstimmen vergingen
zu gleicher Zeit und die Nacht wurde wieder so, wie sie bei seinem
Nachhausegehen gewesen war.

Scrooge schloß das Fenster und untersuchte die Thür, durch welche das
Gespenst hereingekommen war. Sie war noch verschlossen und verriegelt,
wie vorher. Er versuchte zu sagen: dummes Zeug, aber blieb bei der
ersten Silbe stecken, und da er von der innern Bewegung, oder von den
Anstrengungen des Tages, oder von seinem Einblick in die unsichtbare
Welt, oder der Unterhaltung mit dem Gespenst, oder der späten Stunde
sehr erschöpft worden war, ging er sogleich zu Bett, ohne sich
auszuziehen, und sank bald in Schlaf.